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Auch nach Geoffreys Tod kämpfen die Eltern weiter


Schwäbische Zeitung 20. Januar 2007
Dritte Seite "Wir im Süden"
von Ingeborg Wagner

Behandlungsfehler
Auch nach Geoffreys Tod kämpfen die Eltern weiter


UHLDINGEN-MÜHLHOFEN - Geoffrey ist tot. Er wurde nur achteinhalb Jahre alt. Seine Eltern haben ihn am 21. Dezember in seinem Bett gefunden. "Es war ein Schock. So, wie seine Geburt", sagt Vater Manfred Maier. Durch Behandlungsfehler bei der Entbindung war der Junge schwerstbehindert.


Von unserer Redakteurin Ingeborg Wagner


Das Haus im kleinen Weiler Seefelden (Bodenseekreis) kann man nicht verfehlen. Auf der Treppe stehen brennende Kerzen. Ein Teddy lehnt etwas verloren auf der obersten Stufe. Kinderschuhe baumeln am Geländer. Claire Bernard, die Mutter Geoffreys, sitzt in der niedrigen Stube des Fachwerkhauses. Sie schiebt die Brille hoch, trocknet sich die Augen. "Ich muss weinen", sagt sie. Vor ihr liegen Trauerkarten.

Immer noch bekommen sie und ihr Mann jeden Tag Post. "Lesen Sie." Die Frau, die den Brief geschrieben hat, hat auch eine behinderte Tochter. Sie ist voller Anteil am Schicksal der Familie. Manfred Maier fasst seine Frau liebevoll am Arm."Komm, such ein paar Bilder von Geoffrey raus. Dann hast Du was zu tun."

Als Claire Bernard wiederkommt, lächelt sie. Auf den Bildern ist sie eng an ihren Sohn geschmiegt. So glücklich, so unbeschwert strahlen die beiden in die Kamera. Geoffrey sieht seiner Mutter ähnlich: die dichten, dunklen Haare, der Glanz in den Augen, die starke Ausstrahlung und Präsenz.


Der Junge war ein Sonntagskind


Geoffrey war ein Sonntagskind. Glück hat ihm das keins gebracht. Er kam am 28. Juni 1998 durch eine Kette von Behandlungsfehlern tot zur Welt. Im Überlinger Krankenhaus wurde trotz schwacher Herztöne des Kindes in immer höherer Dosis Wehenbeschleuniger anstatt Wehenhemmer verabreicht. Zwingend notwendige Blutgasanalysen zur Kontrolle der Sauerstoffversorgung wurden vergessen. Die Saugglocke, mit der das Baby geholt werden sollte, war kaputt. Später erfuhren die Eltern, dass der Wehenschreiber über die letzten zwei Geburtsstunden defekt gewesen sein soll.

"Es folgte eine Reanimation und die viel zu späte Notfallverlegung nach Friedrichshafen. Erst nach zwei Wochen konnte er zum ersten Mal in seinem Leben schreien", erzählt Manfred Maier. Damals machten die Ärzte den Eltern immer noch Hoffnung, dass sie ein gesundes Kind haben würden.

Als sie Geoffrey sieben Wochen nach der Geburt erstmals mit nach Hause genommen haben, war gar nichts normal. "Die erste Zeit hat er nur geschrien. Den Rücken durchgebogen, die Ärmchen nach oben gerissen. Die Augen waren so nach hinten verdreht, dass man fast nur das Weiße gesehen hat. Er hat maximal eine halbe Stunde am Stück geschlafen. Es war das Grausamste, was wir je erlebt haben. "Es hat uns fast das Herz gebrochen", sagt Maier. Und das Schlimmste: "Niemand hat uns geholfen. Es war, als ob wir die Pest haben."

Geoffrey lässt sich nur beruhigen, wenn er Körperkontakt hat. Seine Mutter hält ihn 24 Stunden am Tag im Arm, streichelt und wiegt ihn, singt ihm vor. "Wir haben uns nur noch von Käsescheiben und Toastbrot ernährt.Ungetoastet, denn für alles andere hatten wir keine Zeit." Kurz vorWeihnachten 1998 kippt Claire Bernard um.

"Für mich war das ein Schlüsselerlebnis", sagt ihr Mann. Er hängt sich ans Telefon und fragt sich durch, kämpft um das, was ihnen zusteht. "Damit habe ich bis heute nicht aufgehört." Er erfährt, dass die Familie Anspruch auf einen Pflegedienst hat. Vier Stunden täglich kommt nun eine Hilfe. Geoffrey
bekommt Ergotherapie, geht zur Osteopathie, Krankengymnastik, Massage und zum Schwimmen, später auch zur Logopädie.

Manfred Maier nimmt sich einen Rechtsanwalt, der auf das Thema Geburtsschäden spezialisiert ist, um gegen die behandelnden Ärzte vorzugehen. Der Anwalt rät ihm zu einem außergerichtlichen Vergleich. Man einigt sich auf Schmerzensgeld in Höhe von 450 000 Mark. Dieses Geld ist durch Therapien bald aufgebraucht. Und er geht mehr und mehr in die Öffentlichkeit, um seine Geschichte, die seiner Familie, publik zu machen. "Es gab damals keine zentrale Anlaufstelle für Geschädigte. Aus der Not heraus haben wir selber etwas gemacht."

Die Internetseiten "www.geoffrey-mike.de" und "www.geburtsschaden.de" führen zum Privaten Netzwerk Medizingeschädigter. "In den letzten fünf Jahren hatten wir rund 400 000 Abrufe aus aller Welt." Dadurch hat er Kontakt zum "Arbeitskreis Medizingeschädigter" bekommen, dessen zweiter Vorsitzender er heute ist." Ich mache das, weil ich dadurch das Gefühl habe, etwas tun zu können. Und vor allem, um anderen Menschen in einer ähnlichen Situation zu helfen."

Verbitterung oder gar Hass auf die Ärzte habe er nie gehabt. Wenn überhaupt, dann nur Wut. Seine Frau schüttelt den Kopf. "Ich habe immer nur Liebe gespürt. Die Liebe, die Geoffrey uns gegeben hat." Sie erzählt, wie er mit seinen Augen kommuniziert hat. "Ich wusste immer, was er wollte." "Tiger" haben die beiden liebevoll zu ihrem Sohn gesagt. Vater Manfred macht die Brummgeräusche nach, die Geoffrey machte, wenn er ihn fest in die Arme geschlossen und gefragt hat "Wie macht der Bär?". "Immer musste ich mit ihm Kräftemessen. Er war halt ein richtiger Bub."

In den letzten Jahren hatte Geoffrey sichtbare Fortschritte gemacht. Der Durchbruch habe ein Besuch in der Rehaklinik von Professor Kozijavkin in der Ukraine gebracht, der manuell an der Wirbelsäule arbeitet. Im Oktober vergangenen Jahres, nach einem Aufenthalt in der Ukraine, war der Junge so weit, dass er gehen konnte, wenn man ihn unter den Achseln gestützt hat. Zuhause fand Geoffrey eine Baustelle vor:Seine Eltern haben das Haus in den letzten zwei Jahren erweitert und behindertengerecht umbauen lassen. Es gibt ein Bewegungsbecken und ein Therapieraum, ein eigenes Bad mit Wickelplatz und ein neues Schlafzimmer für Geoffrey mit Blick auf den See. Pünktlich zu Weihnachten ist der Umbau fertig geworden.


Im Schlaf erstickt


Geoffrey war nie in seinem neuem Zimmer. Seine Eltern fanden ihn am Morgen des 21. Dezembers tot in seinem Bett. Sein Vater holt Luft, schaut angestrengt ins Leere, ehe er zu erzählen beginnt: "Seine Spastik war im Schlaf schlimmer. Wenn er gekrampft hat, hat er sich nach rechts gedreht. Wir vermuten, dass er sich im Kissen verheddert hat und dadurch erstickt ist." Sein Leben endete wie es begann:Er wurde noch einmal reanimiert und nach Ravensburg geflogen. Dort ist er um 14.32 Uhr in den Armen seiner Mutter gestorben.

Sein Grab ist auf dem Friedhof Seefelden, keine Minute von seinem Elternhaus entfernt. "Hallo Geoffrey", sagt Claire. Über Nacht sind wieder neue Blumengrüße, Briefe, Figuren und Engel aufs Grab gelegt worden. Manfred Maier steht schweigend da. Dann sagt er: "Wissen Sie, mein Vater hat immer zu mir gesagt 'Gib nie auf. Du musst immer weitermachen.' Und das tun wir auch. Wir machen weiter für alle, die Ähnliches erleben wie wir."


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